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Der entzauberte Traumberuf

01.09.2012



An der Entwicklungshilfe lockt die Aussicht auf fremde Länder und Kulturen.
Doch die Arbeit ist nicht nur schön, die Stellen sind rar, und die Konkurrenz
ist groß.
Von Julian Staib
Vor dem Abflug aus der Heimat kam in all der Aufbruchsstimmung doch ein wenig
Melancholie auf. Denn der Abschied wird von Dauer sein. Philipp Kuehl arbeitet
für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) im
südafrikanischen Pretoria. Dort bleibt er für zweieinhalb Jahre - vorerst.
Danach kommt vielleicht das nächste Land, dann eventuell eine Station in der
Zentrale in Deutschland, und dann muss er wahrscheinlich wieder raus.

In der Vorstellung vieler junger Menschen ist Kuehls Job ein Traumberuf. Wer
sich auf eine solche Stelle bewirbt, den reizen die Abwechslung und das Reisen -
ein wenig Altruismus ist manchmal auch dabei. "Entwicklungshilfe" nannte man das
früher, aber nur Hilfe klingt heute manchen zu passiv, daher spricht man lieber
von Zusammenarbeit. Vereinfacht gesagt geht es darum, andere Länder in ihrer
wirtschaftlichen, politischen und sozialen Entwicklung von außen zu
unterstützen. Ob das funktionieren kann, ob Entwicklung nicht von innen kommen
muss, darüber streitet die Wissenschaft heftig. Die Praxis macht unterdessen in
großem Umfang weiter: Etwa 11 Milliarden Euro gab Deutschland 2011 für
Entwicklungszusammenarbeit aus.

Wenig Geld und viel zu tun - das liest man immer wieder, wenn es um das Thema
geht. Aber das stimmt oft nicht: Es sind selten Gesinnungsethiker, die hier
arbeiten, sondern oft sehr gut bezahlte Experten auf recht bürokratischen
Stellen. Doch wie wird man Entwicklungshelfer? Die Antwort ist keine einfache,
denn das Berufsfeld ist unübersichtlich, die Konkurrenz ist groß und das
Stellenangebot sehr klein. Für Berufseinsteiger ist es geradezu winzig.

Berufsanfänger Philipp Kuehl arbeitet seit Juli als Juniorberater - das sind die
Nachwuchsstellen der GIZ - in einem vom Bundesministerium für Wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) beauftragten Projekt zur Gewaltprävention
in Südafrika. Die GIZ will hier Initiativen vernetzen und Projekte mit
Jugendlichen vorantreiben. Die Arbeit mache ihm großen Spaß, erzählt Kuehl. "Das
Programm wird erst aufgebaut, daher habe ich die Chance, hier etwas
mitzugestalten." Pretoria sei ein toller Standort, abgesehen von der Sicherheit.
Was ihm fehle, sei die Freiheit, abends auf die Straße zu gehen, Fahrrad zu
fahren. "Aber irgendetwas tauscht man immer ein."

Der 28-Jährige hat nach dem Abschluss zweieinhalb Jahre gebraucht, bis er
dorthin kam, wo er nun ist. Nach dem Studium der Verwaltungswissenschaften mit
internationalem Fokus jobbte er, bildete sich weiter und machte Praktika, unter
anderem in Indien und Kambodscha. "Das war ein steiniger Weg mit vielen Kurven",
sagt er.

Sein Arbeitgeber ist ein Unternehmen, das sich fast nur durch Steuergeld
finanziert und eine Monopolstellung in Deutschland hat. Fast 17 000 Menschen
arbeiten in der GIZ, davon sind aber 12 000 sogenannte nationale Mitarbeiter in
Projekten im Ausland. Nur etwa 2000 Mitarbeiter sind vor Ort als entsandte
Berater, etwa 3000 arbeiten in Frankfurt in der Zentrale. Ein kleiner
Arbeitsmarkt ist das also. Noch kleiner ist er für Berufseinsteiger. "Wir
stellen im Jahr etwa 80 bis 100 Juniorfachkräfte ein", sagt Ulrich Heise, der
für die Nachwuchsprogramme der GIZ verantwortlich ist. Daneben gebe es die
Einstiegsmöglichkeit als "Entwicklungsstipendiat". Das war früher ein
Nachwuchsprogramm des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED), der zweiten großen
staatlichen Entwicklungshilfe-Organisation. Doch seit Entwicklungsminister Dirk
Niebel (FDP) 2011 den DED mit der früheren GTZ (Gesellschaft für Technische
Zusammenarbeit) zur GIZ fusionierte, scheinen die Ansätze des DED zu schwinden.
Das Programm laufe zwar weiter, erzählt Heise, aber statt 100 gebe es jetzt noch
30 bis 40 Stellen im Jahr.

Direkt nach dem Studium gelinge nur wenigen ein Einstieg in die GIZ, sagt Heise.
"Für die Stellen als Juniorfachkraft sind häufig schon ein oder zwei Jahre
Berufserfahrung gewünscht." Eine andere Möglichkeit sei ein Praktikum, 1200
junge Menschen absolvierten jedes Jahr eines. Dafür gibt es im Inland 950 Euro
monatlich und im Ausland eine länderabhängige Pauschale. "Einige der
Praktikanten werden dann als Juniorfachkräfte weiterbeschäftigt", sagt Heise.
"Die erhalten eine attraktive Vergütung, etwa 2900 Euro plus Auslandszulage."
Zudem: "Wenn das ein Entsendeland mit entsprechenden Abkommen ist, dann zahlt
man wenige bis gar keine Steuern."

Das ist viel Geld. Aber der Beruf hat auch andere Seiten: Die Lebens- und
Arbeitsbedingungen sind in manchen Ländern herausfordernd, wenn nicht gar
gefährlich. Oft erweisen sich die Partner im Ausland als recht
beratungsresistent. Auch ist der Alltag geprägt von bürokratischen Strukturen.
Und die häufigen Standortwechsel sind äußerst schwierig mit einer
Familienplanung zu vereinen; sie führen zudem bei vielen Mitarbeitern irgendwann
dazu, dass der Begriff interkultureller Austausch keinen positiven Unterton mehr
hat.