Weder Arbeit noch Studium / Neue OECD-Studie / "Große Unzulänglichkeiten"
wie. MADRID, 13. September. Zwei Millionen junge Spanier im Alter zwischen
15 und 29 Jahren sind sogenannte "Ninis". Das heißt, dass sie weder arbeiten
noch studieren oder in einer Berufsausbildung stehen. Dies ist das Ergebnis
einer neuen Studie der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung (OECD). Mit einem Anteil von 23,7 Prozent Untätiger - bei
Jugendlichen zwischen 25 und 29 Jahren sind es sogar 29 Prozent - ist Spanien
damit vor Italien (23 Prozent) und Irland (21) das Hauptproblemland in der
Europäischen Union. Viele Jugendliche haben in den vergangenen fünf Krisenjahren
nach wiederholten vergeblichen Versuchen die Jobsuche entmutigt aufgegeben.
Einige zehntausend sind derweil ins Ausland, in Europa insbesondere nach
Großbritannien und Deutschland, oder nach Übersee ausgewandert.
Die Staatssekretärin im Kultur- und Erziehungsministerium, Montserrat Gomendi,
die jetzt in Madrid die Studie "Ausbildungspanorama 2012" vorstellte, wies
darauf hin, dass das schlechte Ergebnis des Landes nicht vorwiegend eine Sache
mangelnder Finanzierung sei. So gab Spanien im vergangenen Jahrzehnt jährlich
rund 8000 Euro pro Schüler aus - 2500 Euro mehr als im Durchschnitt der 34
OECD-Länder -, lag jedoch in der vergleichenden Pisa-Studie dennoch nur an 26.
Stelle, also auf einem der letzten Plätze.
Die Zahlen der Studie stammen aus dem Jahr 2010, als Spanien sich im dritten
Krisenjahr befand. Sie dürften in der Zwischenzeit nicht besser geworden sein.
Bei den OECD-"Ninis" liegt das Land hinter der Türkei, Israel und Mexiko an
vierter Stelle (Deutschland an 24.). Bei arbeitslosen Jugendlichen mit
Universitäts- oder höherer Schulbildung ist es mit 10,4 Prozent sogar an erster
Stelle, bei Jugendlichen mit einfacher Grundschulbildung hinter der Slowakei
(40,8 Prozent) und Estland (27,5) mit 24,7 Prozent an dritter.
Die allgemeine Jugendarbeitslosigkeit von gegenwärtig 53 Prozent in dem Segment
der Achtzehn- bis Fünfundzwanzigjährigen wurde in Spanien schon einmal im Jahr
1996 erreicht. Danach begann indes das "goldene Jahrzehnt" des Immobilienbooms,
welches vor allem für ungelernte Kräfte gutbezahlte Arbeitsplätze auf dem Bau
und im Dienstleistungssektor bot. Dies führte wiederum bis zum Krisenbeginn 2007
zu einem rasanten Anstieg der Schulabbrecher von durchschnittlich 30 Prozent.
Erst im vorigen Jahr sank diese Zahl zum ersten Mal wieder auf 26,5 Prozent. Die
ungelernten Jugendlichen waren die ersten Krisenopfer. Weil viele "Ninis" die
Zwischenzeit nicht für Kurse oder eine reguläre Berufsausbildung nutzten, sind
sie unverändert auch am schwersten in den Arbeitsmarkt zu reintegrieren. Daher
warnen spanische Fachleute vor einer "verlorenen Generation".
Bei den Jugendlichen mit Universitätsabschlüssen stellte sich heraus, dass für
viele Absolventen, vor allem im Kultur-, Sozialwissenschaften- und
Medienbereich, kein Bedarf bestand, so dass sie sich fachfremd orientieren und
oft als "Überqualifizierte" einfache Tätigkeiten suchen mussten. 10,4 Prozent
von ihnen kategorisiert die OECD-Studie als "Ninis" (2007: 4,8). Aber auch bei
den Abiturienten und Absolventen von Berufsschulen stieg zwischen 2007 und 2010
die "Nini"-Zahl von 7,2 auf 17,4 Prozent.
Staatssekretärin Gomendio wies in diesem Zusammenhang auf "große
Unzulänglichkeiten" bei der Berufsausbildung im spanischen System generell hin.
Sie äußerte zugleich die Hoffnung, dass die Versuche der konservativen Regierung
unter Ministerpräsident Mariano Rajoy, diesen Sektor nach dem Vorbild des
deutschen "dualen Systems" zu reformieren, Erfolg haben würden. Zwei große
Automobilfirmen - Seat in Katalonien und Volkswagen in Navarra - haben
inzwischen als Erste mit solchen Projekten begonnen. Ob und wie rasch sich
derlei auf nationaler Ebene verwirklichen lassen wird, wird unter anderem von
der Verfügbarkeit qualifizierter Ausbilder, von Unterrichtsstätten, der
Kooperation bislang häufig zurückhaltender privater Firmen und den staatlichen
Finanzierungsmöglichkeiten abhängen.
Aufgrund der erzwungenen Budgetkürzungen mussten wechselnde Regierungen in den
vergangenen drei Jahren schon mehr als zehn Milliarden Euro aus dem Bildungsetat
streichen. Die spanischen Gewerkschaften, die um ihre Machtstellung und
Einflussmöglichkeiten fürchten, verfolgen überdies die Pläne mit dem dualen
System skeptisch. Dafür haben sie für den Herbst umfassende "Mobilisierungen"
und Protestaktionen gegen den Abbau von bislang rund 80 000 Lehrerstellen an
öffentlichen Schulen angekündigt.