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Krise statt lustiges Studentenleben

29.09.2012



Nicht nur Sonne und Strand: Austauschstudenten begegnen im Süden Europas
auch Krisenstimmung, Wut und Frustration. Dennoch gehen sie weiter gerne dorthin
- und machen wichtige Erfahrungen.
Von Sarah Sommer und Laura Noller
An diesem einen Tag hatte sie einfach nicht nachgedacht. War aus dem Haus
gegangen, hatte sich in die U-Bahn gesetzt, um Kommilitonen zu treffen. Einfach
so, ohne vorher zu prüfen, ob irgendwo ein Streik oder eine Demonstration die
Stadt lahmlegte. Schon in der U-Bahn-Station merkte sie, dass etwas nicht
stimmte. Ihre Augen brannten. Tränengas. Schnell an die frische Luft. Plötzlich
überall Lärm. Hunderte Menschen laufen in der Mittagshitze durcheinander, tragen
Verletzte über den Syntagma-Platz in Athen. "Da habe ich mich schnell wieder in
die Bahn gesetzt und bin weitergefahren", sagt Cornelia Schäffer, Jurastudentin
aus Heidelberg.

Die 22-Jährige verbrachte das fünfte und sechste Semester ihres Studiums in
Athen - und steckte plötzlich mitten in der Euro-Krise. "Ich wollte für ein Jahr
ins Ausland, gerne in den Süden. Da ich in der Schule Altgriechisch gelernt
hatte und das Land einfach schon immer spannend fand, wurde es dann
Griechenland", erklärt sie. Dass sich in dem hochverschuldeten Land gerade die
Krise zuspitzte, spielte für sie keine große Rolle. "Natürlich habe ich mir vor
meiner Abreise Gedanken gemacht, ob es in Athen sicher ist", sagt sie. Nicht
zuletzt um ihre Eltern zu beruhigen, informierte sie sich beim Auswärtigen Amt.
Als die Fachleute Entwarnung gaben, setzte sie sich in das Flugzeug nach Athen.
"Ich dachte, es würde doch interessant sein, die Krise von nahem zu erleben."

Griechenland, Spanien, Italien, Portugal: Viele Studenten zieht es für ein
Auslandssemester in den Süden. Vor allem Spanien ist beliebt - und das nicht nur
unter sonnenhungrigen deutschen Studenten. An Erasmus, dem weitaus wichtigsten
Austauschprogramm für Studierende in Europa, nahmen im vergangenen Studienjahr
230 000 Studierende teil; knapp 35 000 gingen nach Spanien. Die Universitäten in
Granada, Valencia und Madrid ziehen besonders viele Studenten an. "Etwa 30
Prozent unserer Erasmus-Studenten gehen jedes Jahr nach Griechenland, Spanien,
Portugal und Italien", sagt Almuth Rhode, Leiterin der Internationalen Programme
an der Universität Frankfurt. "Beliebtestes dieser vier Zielländer war und ist
Spanien." An den Lieblingsländern der Studenten habe sich durch die Euro-Krise
nichts geändert, sagt Rhode.

Das sei typisch für die meisten deutschen Hochschulen, sagt Siegbert Wuttig, im
Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) Leiter der Nationalen Agentur für
EU-Hochschulzusammenarbeit. Wuttig hat in einer Blitzumfrage siebzig deutsche
Hochschulen gefragt, ob ihre Studenten inzwischen einen Bogen um krisengeplagte
Euroländer machen. Immerhin titeln in den Krisenländern seit der Debatte um
Spardiktate manche Zeitschriften mit Bildern der deutschen Kanzlerin im
Hitler-Kostüm. Und in Spanien legten Studenten mit ihren Demonstrationen und
Protesten tagelang die Hauptstadt Madrid lahm. Statt Sonne, Strand und
südländischer Feierlaune erwarten Erasmus-Studenten also nicht selten
Krisenstimmung, Wut und Frustration. Doch die Umfrage zeigt: Studenten lassen
sich von der Eurokrise nicht in der Wahl ihres Ziellandes beeinflussen. Wuttig
wundert das nicht: "Fremdsprachliche und interkulturelle Kenntnisse sowie
fachliche Kompetenzen kann man sich ja in den sogenannten Krisenländern trotzdem
erwerben", sagt er. Und in Krisenzeiten sei es doch umso wichtiger, dass die
betroffenen Länder nicht isoliert würden.

"Studenten orientieren sich in der Wahl eines Auslandssemesters kaum an
politischen oder ökonomischen Rahmenbedingungen im jeweiligen Land", erklärt er.
"Das zeigt sich auch daran, dass Studenten aus Krisenländern wie Portugal noch
immer besonders häufig für ein Auslandssemester oder Praktikum nach Spanien oder
Italien gehen." Sie entscheiden sich also meistens für Länder, die sprachlich
und kulturell naheliegend und attraktiv sind - statt in ein stabileres Land wie
Deutschland zu gehen und so den Auswirkungen der Rezession zu entkommen.

"Ich habe keine Bedenken wegen der Krise. Im Notfall kann ich ja jederzeit
zurück nach Deutschland", sagt Gesine Heger, die gerade für ein Auslandssemester
nach Spanien gereist ist - wegen der Krise. "Natürlich bin ich auch hier, um die
Sprache zu lernen und weil Madrid eine spannende Stadt ist", sagt sie.
"Ausschlaggebend war aber, dass mich interessiert hat, wie die Spanier über die
ganze Situation denken und ob es wirklich so viele Vorurteile gegenüber
Deutschen gibt", sagt die 21 Jahre alte Jurastudentin, die sich für europäisches
Recht interessiert. "Gerade jetzt, wo Zeitungen schon mal das Bild von den
strengen Deutschen oder den faulen Spaniern verbreiten, ist es doch super
wichtig zu zeigen, dass das nicht alles ist, was ein Land ausmacht." Oder
vielmehr, dass es ganz anders ist: So habe sie schnell festgestellt, dass das
Deutschland-Bild der Spanier gar nicht so negativ sei. "Viele Spanier machen
Deutschkurse. Sie sagen, sie wollen nach Deutschland gehen, um dort einen
Ausbildungsplatz zu bekommen, weil es in Spanien keine Jobs gibt."