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31.10.2011



Vor fünfzig Jahren eröffnete die Bundesregierung türkischen Arbeitssuchenden die Möglichkeit, in Deutschland eine Beschäftigung aufzunehmen. Eine Bilanz. Von Dr. Stefan Luft Weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit schlossen die Bundesregierung und die Regierung der Türkei am 30. Oktober 1961 eine Vereinbarung über die Vermittlung arbeitssuchender türkischer Staatsbürger "in eine Beschäftigung bei Arbeitgebern in der Bundesrepublik Deutschland". Das erste sogenannte Abkommen dieser Art war diese Übereinkunft nicht. Noch vor der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) hatte die Bundesregierung am 20. Dezember 1955 mit Italien ein erstes Anwerbeabkommen geschlossen. Weitere Übereinkünfte mit Spanien und Griechenland folgten im Jahr 1960. Gleichwohl hielt sich der Zustrom ausländischer Arbeitskräfte zunächst in Grenzen. Noch war der Bedarf der Wirtschaft an Arbeitskräften gedeckt.

Doch schon seit 1954 war klar, wohin die Reise gehen sollte. Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard gab im Nordwestdeutschen Rundfunk die Richtung mit den Worten vor, "dass es im Interesse der deutschen Arbeiter liegen würde, wenn wir noch mehr als bisher darangehen, ungelernte Arbeitskräfte in Deutschland auszubilden, umzuschulen und aus ihnen geschulte Arbeitskräfte, Fachkräfte werden zu lassen. Um das aber besorgen zu können, müssen wir natürlich dann die relativ primitiveren Arbeiten in Deutschland bei Anhalten dieser Konjunktur schließlich doch mal von ausländischen Arbeitskräften besorgen lassen." Dass ausländische Arbeitnehmer angeworben wurden, die - verglichen mit den Verhältnissen in Deutschland - wenig Schul- und berufliche Vorbildung mitbringen sollten, war demnach kein Zufall, sondern Programm.

Zumal die Beschäftigung von "Gastarbeitern" den deutschen Arbeitnehmern die Möglichkeit bot, Branchen mit niedrigem Lohnniveau, schlechten Arbeitsbedingungen und unsicheren Arbeitsplätzen zu verlassen und aufzusteigen. Gleichzeitig wurde verhindert, dass das Lohnniveau auf breiter Front stieg. Arbeitskräftemangel in einigen Branchen wurde durch den Import ausländischer Arbeitskraft kompensiert. Lohnerhöhungen, die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Rationalisierungsinvestitionen konnten auf diese Weise aufgeschoben werden. Im Jahr 1974 stellte die Bundesanstalt für Arbeit fest: "Bestünde diese Rückgriffsmöglichkeit auf ausländische Arbeitskräfte nicht, so ergäben sich in der Bauwirtschaft tendenziell ein höheres Lohnniveau und ein höherer Technisierungsgrad der Bauproduktion." Dass vor allem die einheimischen Geringqualifizierten die "Gastarbeiter" als ungeliebte Konkurrenten empfanden, kann niemanden verwundern.

Aus der Türkei kamen Arbeitnehmer in größerer Zahl erst in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre, paradoxerweise sogar nach der ersten Rezession der Nachkriegszeit in den Jahren 1966/67. 1968 wanderten mehr als 150 000 Türken als Gastarbeiter ein. 1971 waren es 453 000, also dreimal so viele. Insgesamt reisten drei Viertel aller türkischen Gastarbeiter zwischen 1968 und 1973 ein. Anfang 1972 hatten die Türken die Italiener als stärkste Einwanderergruppe abgelöst.

Im Fokus der Öffentlichkeit standen die Türken allerdings, noch ehe sie nicht mehr zu übersehen waren. Schon in den sechziger Jahren wurde die "kulturelle Distanz" wahrgenommen und zur Sprache gebracht. In einer Untersuchung, die in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre im Auftrag der Stadt Köln angefertigt wurde, hieß es: "Immer wieder erwähnt wird von den Deutschen das Kulturgefälle der türkischen Gastarbeiter gegenüber den deutschen Arbeitern . . . Für die Kölner . . . sind die Türken das Fremdeste überhaupt. Bei keiner anderen Gastarbeiter-Nation differiert die gegenseitige Information so stark wie bei den Türken. Nirgends finden wir - nicht nur in unserer Befragung, sondern auch in den Veröffentlichungen der Behörden und Instanzen sowie in den Äußerungen anderer Gastarbeiter-Vertreter - so wenig reales Wissen und so viele Vorurteile, Stereotypien und Fehleinstellungen wie gegenüber den Türken." Diese wiederum taten sich mit dem Leben in Deutschland in der Regel noch schwerer als die Gastarbeiter aus den Armutsregionen Südeuropas. In seinem 1971 erschienenen Band "Die Nigger Europas. Zur Lage der Gastarbeiter" argumentierte der Schriftsteller Ernst Klee, dass die Umstellung auf ein Leben in Deutschland den Türken besonders viel abverlange: "Ein türkischer Landarbeiter aus der anatolischen Hochebene . . . wechselt auch die Kultur und das Jahrhundert."

An dieser kulturellen Distanz sollte sich einstweilen nichts ändern. Das Institut für Demoskopie Allensbach berichtete im Mai 1982 über eine Umfrage zum Türkenbild der Deutschen, die zu erkennen gab, dass das Verhältnis "schwierig, in vielen Punkten geradezu prekär" sei. Zur Erklärung dieser Befunde wurde darauf verwiesen, dass "das Leben dieser Menschen, die . . . gänzlich unvorbereitet in unser Land verpflanzt worden sind, . . . von Kind auf, ja seit unvordenklichen Generationen her von der türkisch-islamischen Tradition bestimmt (ist), die einer Integration hier bei uns unüberwindliche Widerstände entgegensetzt". Wiederum zwanzig Jahre später stellte der Sozialhistoriker Hans-Ulrich Wehler fest: "Die Bundesrepublik hat kein Ausländerproblem, sie hat ein Türkenproblem."