Sprungbrett
Wenn einer eine Reise tut Damit man auch nach Geschäftsreisen möglichst viel Positives zu erzählen hat, sollte man sich gut vorbereiten. Aber was tun, wenn Unvorhersehbares passiert? Rücksichtnehmen, Interesse zeigen – und lächeln.
Von Jenni Glaser

Robert B. fährt Karussell. Im übertragenen Sinne. Denn er liegt in einem Hotelbett in der georgischen Hauptstadt Tiflis. Es ist 2.30 Uhr in der Nacht – und Robert B. seit einigen Stunden um eine Erfahrung reicher: Der 34-jährige Finanzcontroller hat an einer georgischen Supra teilgenommen, einem landestypischen Abendessen, das von einem Tamada geleitet wird. Von Tamadas hatte Robert zuvor noch nie gehört. Doch nun weiß er, was es mit dieser Bezeichnung auf sich hat – und zwar nur zu gut. Als Tamada bezeichnet man den Tischmeister, der während eines Banketts fortwährend Trinksprüche ausbringt. Robert, der sich auf Geheiß seines mitgereisten und Kaukasus erfahrenen Kollegen weitgehend aufs höfliche Nicken und Lächeln beschränkt hatte, wollte sich als Gast von seiner besten Seite zeigen. Also befolgte er die Anweisungen des Tamadas, indem er das Trinkhorn, das man ihm gereicht hatte, stets auf einen Zug leerte. Bis zum Hauptgang fühlte er sich auch noch ganz wohl dabei. Der Rest verliert sich im Nebel.
Die Reisevorbereitungen
Vier Wochen zuvor hatte sein Kollege, Projektleiter in einem internationalen Konzern, Robert H. um Hilfe gebeten: Könntest du mich dieses Mal zum Projektmeeting nach Tiflis begleiten? Wir müssen mit den Kollegen unbedingt das Jahresbudget durchgehen, da hat es ein paar Missverständnisse gegeben. Aber nichts lieber als das! Die Tickets für den zweitägigen Trip wurden gebucht, die Visa besorgt, das Hotelzimmer reserviert, sämtliche Budgetlisten noch einmal überarbeitet. Und auch die georgischen Kollegen taten ihr Übriges für ein rundum gelungenes Zusammentreffen mit den beiden Deutschen: Kurz vor der Abreise erhielt Robert per E-Mail nicht nur einen detaillierten Plan für das Arbeitstreffen, sondern auch noch eine Einladung fürs Begleitprogramm: ein Stadtrundgang durch Tiflis mit abschließendem Abendessen. Die Vorfreude wuchs.
Rumdum-Betreuung vor Ort
Hast du auch alles dabei?, hatte ihn seine Frau, die ihn am späten Abend zum Flughafen brachte, noch gefragt. Klar, ich bin wirklich bestens vorbereitet. Bei der Ankunft in Tiflis in den frühen Morgenstunden wurden Robert H. und sein Kollege wie verabredet von einem Fahrdienst abgeholt. Nach einer erfrischenden Dusche im Hotel ging es direkt weiter zur ersten Arbeitssession: Präsentation des kompletten Projektmanagements für die beiden nächsten Jahre. Nach sechsstündigem Nachtflug nicht ganz leicht durchzustehen, aber machbar. Gegen 15 Uhr schielte Robert das erste Mal auf seine Armbanduhr. Meinst du, wir bekommen heute Abend ordentlich was zwischen die Zähne?, raunte er seinem Kollegen zu. Keine Sorge, sagte dieser. Hier ist noch keiner verhungert. Im Gegenteil: Mach dich auf was gefasst.
Auf die deutsch-georgische Freundschaft!
Nach einem erneuten Zwischenstopp im Hotel wurden die beiden von ihrem Stadtführer abgeholt. Robert sog die Impressionen um ihn herum auf wie ein Schwamm. Und machte erst recht große Augen, als sie nach zwei Stunden Sightseeing vor dem Haus des georgischen Projektleiters Gogi W. abgesetzt wurden: Um den ausländischen Gästen ihre Ehre zu erweisen, hatten sich dort sämtliche Mitarbeiter der Niederlassung zur Supra versammelt. Schließlich gilt in Georgien jeder Gast als ein Geschenk Gottes – und wird entsprechend fürstlich bewirtet. Robert lief das Wasser im Mund zusammen, als er all die gefüllten Teigtaschen, die Platten mit gegrilltem Gemüse in Tomatensoße und die saftigen Schaschlikspieße entdeckte. Doch bevor er zugreifen konnte, ergriff zunächst Gogi das Wort. Er stand auf, erhob sein Trinkhorn und rief nach einer kurzen Begrüßungsrede (auf Georgisch): Ich möchte jetzt mit euch allen auf die Völkerverständigung trinken: Auf die Völkerverständigung! Da trank Robert doch gerne mit! Und zwar auf einen Zug. Was blieb ihm auch übrig? Das Horn zwischendurch abstellen? Fehlanzeige. Trinkhornhalter sind bei einer georgischen Supra nicht vorgesehen. Und es blieb auch keine Zeit, denn schon wurde Robert aufgefordert, selbst einen Trinkspruch auszurufen. Ich trinke auf die Freundschaft, verkündete Robert. Auf die Freundschaft! Nach etlichen weiteren Trinksprüchen – auf die Rechtschaffenheit, auf den Mut, auf die Ehre und sogar auf die Liebe – sah Robert nicht nur doppelt, sondern dreifach. Der Rest, wie gesagt: purer Nebel.
Der Tag danach
Als der Wecker Robert H. um 7.30 Uhr wachklingelt, brummt sein Schädel wie ein ausgewachsener Braunbär. Erst drei Tassen Kaffee und zwei Aspirin später fühlt er sich dazu imstande, seinen Kollegen um das Auffüllen der wesentlichen Erinnerungslücken zu bitten. Sag mal, wie sind wir denn gestern Nacht ins Hotel gekommen? Der Kollege hat die Supra auch nicht gänzlich unbeschadet überstanden und versucht gerade, seine aufgewühlten Magensäfte mit einer großen Portion Ei mit Speck zu besänftigen: Ach, nachdem du irgendwann mit geschlossenen Augen da gesessen hast, hat uns Gogis Schwiegersohn ins Hotel gefahren. Ich hab dich dann in dein Zimmer gebracht, dir noch die Schuhe ausgezogen und bin dann selbst gleich ins Bett. Ob Robert sich daneben benommen habe? Aber keineswegs!, versichert der Kollege. Im Gegenteil: Für deinen ersten Georgien-Besuch hast du dich ausgesprochen wacker geschlagen. Nach einer weiteren Tasse Kaffee brechen die beiden auf zum abschließenden Projektmeeting, wo sie von den georgischen Kollegen freudig begrüßt werden. Das gestrige Händeschütteln ist nun einer herzlichen Umarmung und einem anerkennenden Schulterklopfen gewichen. Uff, denkt Robert erleichtert, offensichtlich habe ich meine georgische Feuertaufe mit Bravour bestanden.
Wieder daheim
Na, Schatz, wie wars?, will seine Frau bei der Rückkehr wissen. Du siehst müde aus. Scheint wohl sehr anstrengend gewesen zu sein. Robert nickt – und schweigt.
Der Expertentipp
Im Grunde hat Robert H. fast alles richtig gemacht. Zumindest wenn man den allgemeinen Geschäftsreisen-Tipps von Jochen Mai folgt. Mai, Verfasser des Bestsellers Die Karriere-Bibel, empfiehlt drei Grundregeln, mit denen man auf Reisen das Risiko eines Fehltritts auf ein Minimum reduzieren soll. Sie lauten: Rücksichtnehmen, Interesse zeigen und Nachmachen. Vor allem die ersten beiden Tipps hat Robert H. beflissen befolgt: Begegnen Sie den Menschen stets mit Wertschätzung und Respekt. Akzeptieren Sie landesspezifische Eigenarten – egal, wie komisch diese wirken, rät Mai. Zeigen Sie Interesse an der Landessprache, den jeweiligen Sitten oder Speisen. Jemandem die Gunst zu erweisen, das eigene Land zu erklären oder dafür zu schwärmen, bringt immer Sympathien und entschuldigt manchen Fehltritt. Erst recht, wenn Sie dabei bescheiden und lernwillig bleiben und viel lächeln. Aber auch bei der dritten Regel, beim Nachmachen, hat Robert sich nun wirklich nichts vorzuwerfen: Sei es bei der Kleidung oder Körpersprache: Üben Sie sich anfangs in kleinen und leisen Gesten sowie gedeckter Kleidung. Aufdrehen können Sie später immer noch, wenn Sie das Gefühl haben, es ist angebracht, so Mai. Der doppelte Vorteil: Wenn Sie nicht forsch auftreten, können Sie unauffällig abwarten und zusehen, was Ihr Gegenüber macht. Ahmen Sie ihn anschließend behutsam nach, können Sie nichts mehr verkehrt machen.
Verkehrt gemacht hat Robert H. also wirklich nichts – doch eins hat er bei den Reisevorbereitungen schlicht und einfach vergessen: Den erfahrenen Kollegen vor der Abreise zu fragen, worauf er sich eigentlich einlässt, wenn ihn Georgier zum Abendessen einladen.
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