Home


FAZ.NETStellenangebote für Fach- und Führungskräfte auf FAZjob.NET, jetzt informieren
Das Jobportal für Fach- und Führungskräfte

Twitter - FAZjob.NET Facebook - FAZjob.NET




Sprungbrett

Pimp my CV!

17.09.2012


Abschluss mit Auszeichnung in Rekordzeit an der Elite-Uni, dazu Praktika bei den Top-Unternehmen und in der Freizeit noch schnell „was Soziales“ – auf diese Weise bringen immer mehr Bewerber ihren Lebenslauf auf Hochglanz. Aber ist es wirklich das, was Arbeitgeber wollen?

Von Sarah Bautz



Zwei bis drei Minuten. So viel – oder besser gesagt: so wenig – Zeit nimmt sich die Mehrzahl der Personaler für die Durchsicht einer Bewerbung. Das geht aus der Studie „Recruiters Survey 2012“ des Heidelberger „Institute for Competitive Recruiting“ hervor. Manche Personalverantwortlichen mögen einen längeren Blick auf die Unterlagen werfen, doch für alle gilt: Ihre Zeit ist knapp und reicht wohl kaum für mehr als einen groben Scan. Was und wo, wie schnell und wie erfolgreich hat der Bewerber studiert? Verzeichnet der Lebenslauf relevante Praktika oder berufliche Erfahrungen? Oder vielleicht ein Stipendium? Dann sind die drei Minuten schon vorbei, der Bewerber ist ins Feld der Konkurrenten eingeordnet und die Entscheidung über Einladung oder Absage getroffen.

Wie kann es in dieser Kürze gelingen, mit den eigenen Leistungen zu überzeugen, aus der Masse hervorzustechen und die Konkurrenz abzuhängen? Für immer mehr Bewerber lautet die Antwort darauf: perfekt sein. Alle Bedingungen übererfüllen, die der Personaler stellen könnte: das richtige Studium mit Auszeichnung und in Rekordzeit an der Elite-Uni, dazu Praktika bei den Top-Unternehmen der avisierten Branche. Immer schön geradlinig und zielbewusst, bloß keine Umwege auf dem Weg zur Karriere riskieren.


Generation Lebenslauf

Diesen zunehmenden Drang zur Optimierung des eigenen Lebens beobachtet Klaus Werle, verantwortlich für das Karriere-Ressort beim Manager Magazin, schon seit längerem. In seinem Buch „Die Perfektionierer“ beschreibt er das Phänomen und widmet ein ganzes Kapitel der „Generation Lebenslauf“. „Schon mit der Wahl des Studienfaches fängt es an“, sagt er. „Viele angehende Studenten wählen nicht das Fach, das ihnen am meisten Spaß macht, sondern eines, das sie für besonders aussichtsreich halten.“ Dort besuchen sie meist nur die scheinrelevanten Veranstaltungen. Mal aus Interesse in andere Fächer hineinzuschnuppern, ist für viele undenkbar.

Aktivitäten außerhalb des Studiums, sei es in einer Theatergruppe oder in der Parteipolitik, nehmen laut Werle ab. Sogar das soziale Engagement wird ein Punkt auf der To-Do-Liste für die Karriere – denn ein paar Wochen bei Greenpeace oder dem Malteser Hilfsdienst zieren den Werdegang ungemein. „Dabei geht es häufig nicht wirklich oder nur nebensächlich um die Ziele der Organisation“, sagt Werle. Die Hauptsache sei viel eher, den eigenen Wert auf dem Arbeitsmarkt zu steigern, die sogenannte Employability.

Doch gelangt man so auf dem hart umkämpften Arbeitsmarkt tatsächlich ans Ziel? Klaus Werle hat Bedenken. „Wenn alle den gleichen Idealen nacheifern, sind am Ende möglicherweise alle perfekt – aber nicht mehr einzigartig.“ Auf die Bewerbungssituation gemünzt, heißt das: Je größer die Gruppe der Perfektionierer ist, umso größer ist auch die Gefahr, unterzugehen in einer Masse von Top-Qualifizierten mit Hochglanzlebenslauf.

Wo sind die Typen mit Ecken und Kanten?

Ein weiteres Problem sieht Klaus Werle darin, dass in den Bewerbern mit stromlinienförmiger Vita nicht unbedingt die Führungskräfte der Zukunft stecken – auch wenn das seiner Einschätzung nach weder die Unternehmen noch die Bewerber selbst bisher verstanden haben. „Am Anfang sind die Personaler froh, perfekte Lebensläufe zu bekommen – allein schon deswegen, weil feste Kriterien wie die Abschlussnote dabei helfen, der Flut an Bewerbungen Herr zu werden“, sagt Werle. „Wenn aber nach vier bis sechs Jahren die erste Führungsposition ansteht, merkt man plötzlich: Hoppla, das können die ja gar nicht.“

Dann fehlen die Typen mit Ecken und Kanten, die sich durchgesetzt haben, auch mal mit Rückschlägen umgehen mussten und wissen, was sie selbst können und wollen. In „Die Perfektionierer“ schreibt Klaus Werle: „Wenn es stimmt, dass wir lebenslang lernen müssen, dass Denken in komplexen Zusammenhängen die Schlüsselqualifikation des 21. Jahrhunderts ist – dann ist eine Optimierung, die sich an vermeintlich verbindlichen Karriereidealen orientiert, der falsche Weg.“


Ein Hoch auf den Zick-Zack-Lebenslauf?

Gehört die Zukunft also den Kandidaten mit Zick-Zack-Lebenslauf? Denen, die erst zwei Studiengänge abgebrochen haben, bevor sie den richtigen fanden? Die nach dem Abschluss ein Jahr in Australien gesurft haben? Die fünf harte Jahre in die eigene Garagenfirma gesteckt haben, um am Ende damit pleitezugehen?

Ganz so würde es Katrin Schröder wahrscheinlich nicht ausdrücken. Als Senior Recruiterin ist sie beim Automobilhersteller BMW, der in der Statistik der beliebtesten Arbeitgeber unter Absolventen immer auf einem der vorderen Plätze landet, zuständig für Festanstellungen. Dazu gehören auch Trainees – also Nachwuchskräfte, denen womöglich eine Führungslaufbahn bevorsteht. Grundlegend sind für Schröder die Qualifikationen des Bewerbers, aber auch bestimmte Eigenschaften wie Teamfähigkeit: „Wir brauchen niemanden, der mit dem Kopf durch die Wand will“, sagt sie. „Auch jemand, der mal Führungskraft werden will, muss in der Lage sein, sich zu integrieren.“


Bloß keine Sturköpfe

Sturköpfe: nein. Ecken und Kanten: ja. So lautet die Devise bei BMW. „Wir achten zum Beispiel auf ungewöhnliche Interessen und langfristiges soziales Engagement“, so Schröder. Bewerber müssen ihr Studium nicht unbedingt in der Regelstudienzeit abgeschlossen haben, sofern sie die Zeit für Praktika und Auslandsaufenthalte genutzt haben. Auch eine fachliche Umorientierung ist für Schröder kein grundsätzliches No-Go, Hauptsache, der Bewerber hat inzwischen das Richtige für sich gefunden. Von rein strategischen Entscheidungen hält sie wenig: „Die Menschen müssen das tun, was ihnen Spaß macht. Alles andere wäre reine Pflichterfüllung, und das halten sie langfristig nicht durch.“

Spaß und Zufriedenheit sind auch für Klaus Werle wichtige Faktoren. „Ich würde jedem empfehlen, das zu tun, woran er Freude hat“, sagt er. „Das heißt allerdings nicht: Füße hochlegen. Es gibt einen großen Unterschied zwischen Faulenzen und Sich-auf-das-konzentrieren, was einem wirklich Freude macht.“ Dem kann Katrin Schröder nur beipflichten: „Unsere Bewerber sollen ja mit ihrem eigenen Leben zufrieden sein – und nicht nur uns zufriedenstellen.“


Das andere Extrem

Auf der einen Seite stehen die Absolventen mit Hochglanz-CV, auf der anderen die Bewerber mit sogenanntem Patchwork- oder Zick-Zack-Lebenslauf: Was tun, wenn der Werdegang Stolpersteine wie Arbeitslosigkeit, abgebrochene Studiengänge oder die gescheiterte Selbständigkeit verzeichnet? Mehr dazu in der nächsten Ausgabe von „Sprungbrett“.


Dieser Artikel ist ein Angebot von Sprungbrett.