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Sprungbrett

Karriereschritt oder Kulturschock?

21.09.2011


Ein paar Jahre für die Firma im Ausland arbeiten – diese berufliche und persönliche Chance wollen sich viele Arbeitnehmer nicht entgehen lassen. Was gilt es dabei zu beachten?

Von Christina Höhn


Zunächst fühlte sich Johannes P. sehr geehrt, als sein Chef ihm mitteilte, dass er für seine Firma, einen mittelständischen Automobilzulieferer, eine Zweigstelle in Mumbai aufbauen solle. Dass er seine Koffer bereits in drei Monaten packen sollte, überraschte den Projektleiter dann doch. Auch seine Frau konnte sich einen längeren Auslandsaufenthalt zwar gut vorstellen – aber so kurzfristig? Wie sollte man in dieser kurzen Zeit einen geeigneten Kindergarten für die dreijährige Tochter finden? Und wie würde es mit einer Wohnung aussehen?

„Eine typische Situation“, sagt Kirsten Nazarkiewicz, die sich gemeinsam mit ihrer Geschäftspartnerin Gesa Krämer auf das Coaching von so genannten Expats – also Arbeitnehmern, die vorübergehend im Ausland eingesetzt werden – spezialisiert hat.
„Bei vielen Unternehmen fällt die endgültige Entscheidung, einen Mitarbeiter ins Ausland zu entsenden, oft sehr kurzfristig. So bleibt den Betroffenen nur wenig Zeit, sich auf den Aufenthalt vorzubereiten.“ Und mit „vorbereiten“ meint Nazarkiewicz weit mehr als die Suche nach einer Wohnung, Schule oder Kindergarten. Notwendig seien vielmehr ein interkulturelles Coaching über einen längeren Zeitraum hinweg, das idealerweise ein halbes Jahr vor der Abreise beginnt und auch in den ersten sechs Monaten vor Ort – zum Beispiel dank moderner Kommunikationsmittel wie Skype – von derselben Person weitergeführt werden sollte.

Denn die Erfahrung zeigt: Was die entsendeten Arbeitnehmer zunächst als neu und aufregend empfinden, kann nach einer gewissen Zeit zermürben und eine Art „Kulturschock“ auslösen. Dann nämlich nerven die vielen kleinen Unterschiede, die hier so ganz anders laufen als in der Heimat. „Wenn man sich dann nicht rechtzeitig öffnet, schottet man sich ab und findet zu der fremden Kultur auch keinen Zugang“, so die Beraterin. Das gelte im Übrigen nicht nur für Länder mit „fremden Kulturen“, sondern auch für europäische Staaten oder die USA. Arbeitnehmer, die einen solchen Kulturschock vermeiden wollen, sollten daher bei ihrem Vorgesetzen oder der HR-Abteilung um ein interkulturelles Coaching-Programm bitten oder sich im Notfall selbst um sein solches bemühen.

Für einen erfolgreichen Auslandsaufenthalt – auch aus unternehmerischer Sicht – müssen die entsendeten Arbeitnehmer von ihrem Unternehmen unterstützt werden. Das ist jedoch bei weitem nicht immer der Fall. Vor allem dann nicht, wenn vor Ort etwa eine neue Zweigstelle aufgebaut werden soll – so wie dies bei Johannes P. der Fall war, der sich in den ersten Monaten seines Aufenthaltes sehr alleine fühlte. „Ich musste die Struktur ja erst aufbauen. Da gab es keine HR-Abteilung vor Ort, an die ich mich hätte wenden können.“ Auch von der Unternehmenszentrale kam kaum Unterstützung. „Die haben erwartet, dass ich mich hier schon durchboxe.“ Zwar hatte ihm sein Unternehmen vor der Abreise einen Crash-Kurs in „Internationalem Management“ spendiert – aber auf viele Dinge, die ihn vor Ort erwarteten, war der 42-jährige nicht vorbereitet.

Ganz anders läuft dies bei global tätigen Unternehmen wie BASF, Bosch oder RWE. Bei dem Chemiekonzern BASF beispielsweise ist eine ganze Abteilung damit beschäftigt, die entsendeten Arbeitnehmer vor, nach und während des Einsatzes intensiv zu unterstützen. So werden die Mitarbeiter des Chemiekonzerns, aber auch ihre Familie, mit Sprachkursen, interkulturellen Trainings und landeskundlichem Unterricht auf ihren Auslandseinsatz vorbereitet. Sie können sich bereits im Vorfeld die neue Stadt anschauen und Kindergärten und Schulen besichtigen. Vor Ort kümmert sich entweder die dortige Personalabteilung oder ein professioneller „Relocation Service Provider“ um die organisatorischen Belange, unterstützt die Mitarbeiter bei Behördengängen, der Wohnungssuche etc.

Dies sind Startbedingungen, von denen Johannes P. und seine Familie nur träumen konnten. Insbesondere das erste Jahr haben sie als besonders schwierig in Erinnerung. „Es gab Tage, da hätte ich am liebsten alles hingeschmissen“, erzählt seine Frau. Ein klassischer Konflikt: „Während der eine beruflich eingebunden ist und Kontakte aufbaut, sitzt der andere zu Hause, fühlt sich alleine und muss sich mit einer ihm fremden Kultur herumschlagen“, stellt Nazarkiewicz fest.

Nach drei Jahren intensiver Aufbauarbeit hat Johannes P. seine Aufgabe zur Zufriedenheit seines Arbeitgebers erledigt. Nun soll ein Kollege die Leitung der Zweigstelle weiterführen. Welche Aufgabe Johannes P. in Deutschland übernehmen wird, weiß er noch nicht. „Ich hoffe nur, dass sich die da drüben noch an mich erinnern“, lacht der studierte Wirtschaftsingenieur. Aus den Augen, aus dem Sinn – diese Erfahrungen machen gar nicht so wenige Arbeitnehmer, die sich von ihrem Auslandsaufenthalt einen Karrieresprung erwartet haben, stattdessen nach ihrer Rückkehr aber frustriert feststellen müssen, dass die erhoffte Position längst extern vergeben wurde. Wichtig ist es daher, auch im Ausland den Kontakt zur heimischen Unternehmenszentrale nicht abreißen zu lassen.

Bei global tätigen Großunternehmen hingegen, in denen es für Auslandeinsätze verschiedene Personalprogramme gibt, bedeutet dieser in der Regel einen Karrieresprung. „Es ist uns sehr wichtig, dass unsere Führungskräfte internationale Erfahrung sammeln“, so Martina Breitenbach, Leiterin Transfermanagement bei der BASF. „Für die Übernahme einer Managementfunktion ist die Auslandserfahrung eine wichtige Voraussetzung.“ Ist eine Stelle neu zu besetzen, werden bei gleicher Qualifikation Mitarbeiter mit Auslandserfahrung bevorzugt.


Weiterführende Links:

www.arbeitenimausland.org: Fachexperten beantworten Fragen zu Recht, Steuern und Kultur

www.germanexpats.com: Forum für deutsche Expats

www.justlanded.com: Überblick über Lebenshaltungskosten, administrative Regelungen etc. in verschiedenen Ländern


Buchtipp:

Gesa Krämer und Kirsten Nazarkiewicz (2008): Arbeiten im Ausland. Und die Familie geht mit. Gut vorbereitet ankommen und zurückkehren, Bertelsmann.


Dieser Artikel ist ein Angebot von Sprungbrett.